22.10.2008 - www.fuldaerzeitung.de
FREIENSTEINAU "Sie wissen gar nicht, welche Fragen Sie für so ein kleines Ding beantworten müssen", schmunzelt Andreas Schwalb. Das "kleine Ding", von dem der Vorstand und Hauptaktionär der Freiensteinauer Firma Acti-Med AG spricht, ist eine Kanüle.
Sie kostet "wesentlich weniger als ein Cent" und wird in riesigen Mengen gefertigt: Etwa 300 Millionen dieser Metallteile - sie werden auf ein Glas geklebt, gepresst oder geschweißt und bilden so eine Spritze für den medizinischen Bedarf - werden pro Jahr im Vogelsberg produziert. Mit stark steigender Tendenz. Mit Wachstum ist Schwalb bestens vertraut, kennt er mit seinem 1997 gegründeten Unternehmen doch nur eine Richtung - die nach oben. Einen weiteren Schritt soll im kommenden Jahr unternommen werden: "Wir planen eine Fertigungshalle mit etwa 1000 Quadratmetern und werden die Produktion nach Bereichen trennen", erzählt Schwalb. Noch sei nicht entschieden, ob es einen Anbau oder aber - etwa 100 Meter entfernt - einen Neubau geben wird. 20 zusätzliche Arbeitsplätze stellt der 45-Jährige in Aussicht. Derzeit beschäftigt Acti-Med 60 Personen, zumeist Frauen aus der Region, von denen viele Migrationshintergrund haben. "Wir sind ein beliebter Arbeitgeber, da wir unseren Mitarbeitern mehr als in der Region üblich bezahlen. Wir können unsere Leute nicht so einfach austauschen, fordern aber auch, dass notfalls samstags gearbeitet wird", betont der stolze Vater der eineinhalb Jahre alten Nia, der nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann 18 Jahre lang bei der Süddeutschen Feinmechanik in Wächtersbach tätig war, ehe er sich selbständig machte.
Die Qualitätsanforderungen sind hoch
Wenngleich seine Firma inzwischen fünf Millionen Euro Jahresumsatz - 2008 soll er auf 5,8 Millionen gesteigert werden - verzeichnet und mit 200 000 Euro Gewinn rechnet, scheint Schwalb auf dem Boden geblieben zu sein: "Ich suche mir jeden morgen einen Parkplatz, und mein Büro ist mittlerweile zum Besprechungsraum geworden. Wenn ich nicht beteiligt bin, gehe ich so lange raus." Das Firmengebäude ist auf den ersten Blick relativ unspektakulär. Ein in Blautönen gehaltener Bau, dem an der Giebelseite ein roter, wintergartenähnlicher Eingangsbereich vorgesetzt ist. Doch der Eindruck täuscht: Bevor sich die Tür öffnet, muss sich jeder Besucher an einem Bildschirm mit seinem Namen anmelden. Etwas Geheimnisvolles umgibt dadurch das Unternehmen, das - vordergründig - ganz einfache Produkte herstellt. Doch erneut wird der Betrachter eines besseren belehrt. Die Qualitätsanforderungen an eine Kanüle sind sehr hoch, wie Schwalb nicht müde wird zu betonen: "Der Anschliff ist zwar kein großes Geheimnis. Aber etwa die Injektoren zum Selbstspritzen haben eine Feder mit einer gewissen Kraft. Der Innendurchmesser muss auf einen hundertstel Millimeter genau sein, damit das Medikament in der vorgegebenen Zeit gespritzt wird. Die abgefüllte Spritze muss zudem etwa zweieinhalb Jahre haltbar sein, auch nachdem das Mittel mit dem Glas und dem Metall in Kontakt gekommen ist." Bis 2007 kaufte Acti-Med die Kanülen in Korea, seither wird in Freiensteinau produziert.
Keine Angst vor der Konkurrenz
Konkurrenz fürchtet der Firmenchef nicht: "In Deutschland kann preislich zurzeit keiner mithalten. In Japan, Korea oder China dagegen schon. China bietet zu einem Drittel unseres Preises an. Aber dort kauft keiner für diese Art Anwendungen. Die Qualität einfach ist zu instabil."
Zudem sei die Pharmaindustrie, also der Endabnehmer, dermaßen vorsichtig, dass selbst für kleinste Änderungen in der Produktion ein ausgeklügeltes und oft langwieriges Genehmigungsverfahren durchgezogen wird. Schwalb: "Es dauert oft zwei Jahre, bis ein Projekt läuft. Wenn wir etwas ändern, ob den Ablauf oder ein Reinigungsmittel - selbst bei Verbesserungen brauchen wir ein Jahr Vorlauf. Danach kann der Kunde immer noch nein sagen. Das ist manchmal frustrierend. Die Dokumentationskosten halten sich mit den Produktionskosten schon fast die Waage." Andererseits habe ein Kunde "überhaupt keine Lust, den Lieferanten zu wechseln, weil das zu viele Fragezeichen mit sich bringt".
IN ZAHLEN
Acti-Med AG
- Gründung: 1997 als GmbH, seit 2001 Aktiengesellschaft, 16 Aktionäre, Tochtergesellschaft in
- Südkorea
- Grundkapital: 88 500 Euro
- Umsatz: 5,8 Mio. Euro geplant (2007: 5 Mio.)
- Mitarbeiter: 60 in Freiensteinau, 2 in Südkorea
- Gewinn: 200 000 Euro geplant (2007: 80 000 Euro)
Transponder für die Tiere dieser Welt
Die Organisation bei Acti-Med orientiert sich an den Produktgruppen, deren Herstellung genauestens protokolliert wird und zum Teil in einem Reinraum der Güteklasse 100 000 - pro Flächeneinheit sind 100 000 Staubpartikel erlaubt - abläuft. Eigens zur Finanzierung des Baus dieser Räume wurde vor Jahren eine Kapitalerhöhung vorgenommen. In der neuen Halle soll es einen Reinraum 10 000 geben. Dieser darf dann nur mit Schutzanzug betreten werden, während im 100 000er Kittel, Haarnetz und Schuhüberzieher reichen.
Unter dem Begriff "R4C - Ready for Cleanroom" laufen "Primärpackmittel, also alles, was mit dem Medikament in Berührung kommt". Dann gibt es die Medizinprodukte "R4M - Ready for Market", wozu etwa Tier-Transponder gezählt werden, mit denen Hunde, Katzen oder Rinder in aller Welt "gechipt" werden. Schwalb: "Jeder Transponder hat eine auf der Welt einmalige Nummer, anhand der der Besitzer gefunden werden kann." Neu ist der Bereich "R4P - Ready for Patient", der in Südkorea gefertigte Pen-Kanülen weiter verkauft.





